Pflege in Deutschland: Warum 86 Prozent zu Hause bleiben – und was das wirklich kostet
Julian LangPflege in Deutschland: Warum 86 Prozent zu Hause bleiben – und was das wirklich kostet
In Deutschland sind die meisten pflegebedürftigen Menschen auf Unterstützung im eigenen Zuhause angewiesen – und nicht auf die Betreuung in Pflegeheimen. Offiziellen Angaben zufolge leben nur 14,1 Prozent dauerhaft in stationären Vollzeit-Pflegeeinrichtungen. Die übrigen 85,9 Prozent erhalten Hilfe in den eigenen vier Wänden, oft durch Angehörige, die den Großteil der Pflege ohne professionelle Unterstützung leisten.
Nach deutschem Recht gilt der Grundsatz "ambulant vor stationär" als Leitlinie für die Langzeitpflege. Diese Regelung, die in Paragraf 3 des Elften Buchs des Sozialgesetzbuchs (SGB XI) verankert ist, fördert die häusliche Pflege gegenüber der Unterbringung in Heimen. Pflegebedürftige können dabei zwischen stationärer Betreuung, familiärer Hilfe, professionellen Pflegediensten oder einer Kombination dieser Optionen wählen.
Angehörige, die pflegen, übernehmen eine zentrale Rolle und wenden im Schnitt 49 Stunden pro Woche für ihre nahestehenden Personen auf. Ein Viertel von ihnen bringt sogar mindestens 57 Stunden wöchentlich für die Pflege auf. Doch die finanziellen Belastungen fallen sehr unterschiedlich aus: Die Eigenanteile für die häusliche Pflege liegen zwischen 340 und 7.441 Euro monatlich, der Median beträgt 2.085 Euro. Bei Schwerstpflegebedürftigen können die persönlichen Zusatzkosten sogar über 7.000 Euro im Monat betragen.
Zum Vergleich: Heimbewohner mussten im Januar 2026 im ersten Jahr durchschnittlich mehr als 3.200 Euro monatlich aus eigener Tasche zahlen. Der Bundesverband wir pflegen e.V. kritisiert diese Differenz als "skandalöses Ungleichgewicht". Die Organisation argumentiert, dass die häusliche Pflege – insbesondere bei hohem Pflegebedarf – deutlich benachteiligt werde.
Aktuelle Daten geben jedoch kaum Aufschluss über die privaten Ausgaben von Menschen, die ausschließlich von Angehörigen ohne professionelle Unterstützung versorgt werden. Die verfügbaren Zahlen konzentrieren sich vor allem auf Heimkosten und teilweise auf ambulante Pflegedienste.
Das System stützt sich in hohem Maße auf die unentgeltliche Arbeit von Familienmitgliedern – mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen wird allein von Angehörigen betreut. Zwar bleibt die häusliche Pflege die bevorzugte Lösung, doch die finanzielle Belastung für die Familien ist beträchtlich. Verbände fordern weiterhin Reformen, um die wachsende Kluft zwischen den Kosten für stationäre und ambulante Pflege zu schließen.